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30 Jahre Kindertagesklinik

Sozialpädagoge und Junge spielen Basketball in der Kindertagesklinik

Am 29. November 2017 feiert die Kindertagesklinik für Psychosomatik am EVK Jubiläum:  Vor über 30 Jahren wurde sie am Fürstenwall mitten im Zentrum von Düsseldorf gegründet.  Anlässlich des runden Geburtstages hat das Team um Leiterin Dr. Irina Stöcklin zu einem Austausch mit Experten zum Thema „Schulvermeidung“ und zu einer Feierstunde ins Evangelische Krankenhaus eingeladen. Dr. Irina Stöcklin leitet seit 2005 die teilstationäre therapeutische Einrichtung, die zum Kinder- und Jugendnetzwerk des EVK gehört. Gemeinsam mit einem multiprofessionellen Team aus Ärztinnen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Psychologen, Psychotherapeuten, Sozialpädagogen und -arbeitern und Fachtherapeuten aus den Bereichen Musik, Heilpädagogik, Kunst- Körper- und Physiotherapie sowie Lehrern der Alfred-Adler-Schule für Kranke betreut sie insgesamt 16 Kinder im Alter von sechs bis 18 Jahren, die über mehrere Wochen tagsüber von montags bis freitags in der Klinik sind. Schwerpunkte in der Diagnostik und Behandlung sind Essstörungen Angst- und affektive Störungen sowie körperbezogene Störungen. In den letzten Jahren wurde die familientherapeutische Arbeit weiter ausgebaut. So wurde in den Gruppen die Multifamilientherapie als fester Baustein etabliert. Dabei arbeiten die Familien der behandelten Kinder und Jugendlichen gemeinsam: Der Austausch untereinander im geschützten Rahmen ermöglicht sein Kind, seinen Vater oder seine Mutter anders wahr zu nehmen und fördert so den Mut, neue Wege in der Familie auszuprobieren.

Gegründet hat die Kindertagesklinik für Psychosomatik der frühere Chefarzt der Kinderklinik, PD Dr. Klaus Witzel, der in den frühen siebziger Jahren bereits die Bedeutung psychologischer Betreuung von Kindern im EVK sah. 1986 eröffnete er die Tagesklinik. Seitdem konnte sie zahlreichen Kindern und ihren Familien in und um Düsseldorf helfen.

Diagnostik und Behandlung von Schulvermeidung ist ein Schwerpunkt der Kindertagesklinik für Psychosomatik am EVK. „Schulvermeidung hat in den letzten Jahren“, so Stöcklin, „als Thema bei uns deutlich zugenommen. Immer mehr Kinder und Jugendliche kommen zu uns, weil sie sich langfristig der Schule verweigern. Der Druck auf Schüler scheint stark zuzunehmen.“  Zu erkennen, dass ein Kind leidet und es aus eigenen Kräften den Weg in die Schule nicht (mehr) schafft, ist nicht einfach. Wenn Eltern mit ihrem Kind im Krisenfall gemeinsam mit der Schule, den Lehrern, aber auch mit Ärzten, Psychologen, Therapeuten oder Beratungsstellen zusammenarbeiten, dann besteht die Möglichkeit, den Teufelskreis zu erkennen und zu durchbrechen.

Ich geh’ da nicht mehr hin!

Schulvermeidung oder die Geschichte von Tim, der nicht mehr in die Schule gegangen ist

Sozialpädagoge und Junge spielen Basketball in der Kindertagesklinik

Tim ist 13 und geht in die siebte Klasse eines Düsseldorfer Gymnasiums. An einem Morgen im Februar 2017 rollte er sich in seinem Bett zusammen und beschloss, nie mehr in die Schule zu gehen. Vor Monaten war es losgegangen: Tim hatte ständig Kopf- und Bauchschmerzen, ihm war morgens schlecht oder er fühlte sich zu schlapp, in die Schule zu gehen. Da er in der Zeit oft erkältet war und er unter Asthma litt, fiel er erst einmal nicht auf. Bis er zu oft fehlte und anfing, so zu tun, als ob er in die Schule ging - dabei verbrachte er seine Vormittage in der Garage. Gespräche oder Verabredungen halfen nichts. Seine Eltern waren ebenso sauer wie verzweifelt, Tims Lehrer zeigten kein Verständnis mehr und seine Mitschüler fingen an, ihn zu mobben. Er wurde zum „Schulschwänzer“, zum „Loser“, für den es zu viele Extrawürste gegeben hatte: Kommt, wann er will und darf Arbeiten nachschreiben. Der kleine, in sich gekehrte Junge wurde immer stiller, immer blasser, er fühlte sich alleine, unverstanden und sah keinen Ausweg. Seine Mutter „Wir haben gesehen, wie schlecht es Tim ging. Alles haben wir versucht: ihm zugehört, mit ihm gesprochen, ihn gelöchert, versucht, herauszufinden, was los ist. Mit ihm geschimpft, auch gedroht, aber wir sind alleine nicht weitergekommen.“

Seine Eltern suchten Hilfe: Tim ging einmal die Woche zu einer niedergelassenen Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche. Anfangs, so Tims Mutter, halfen die Gespräche, dann aber rutschte der 13-Jährige vollends in die Krise und verweigerte komplett die Schule. Die Psychotherapeutin empfahl die Kindertagesklinik für Psychosomatik am EVK. „Bis Tim dort hingegangen ist, war es für uns eine sehr schlimme Zeit.“, berichtet seine Mutter. „Er war verzweifelt zu Hause, isoliert, ohne Schule und Freunde und wir waren hilflos. Überall gab es Wartezeiten, auf Wochen und Monate wurden wir vertröstet.“ Tim und seine Familie hatten Glück im Unglück, in der Kindertagesklinik wurde kurzfristig ein Platz frei. Sechs Wochen nach seiner Totalverweigerung der Schule konnte Tim dort starten.

„Tim ist zu uns gekommen, weil er über einen längeren Zeitraum die Schule nicht besuchte, nicht, weil er cool sein wollte oder Schule ihm egal war, sondern weil er massive Ängste vor der Schule hatte. Das führte dazu, dass er sich körperlich und seelisch nicht mehr in der Lage fühlte, in die Schule zu gehen.“ beschreibt Dr. Irina Stöcklin, Leiterin der Kindertagesklinik, das Phänomen. Schulvermeidung kommt häufig vor. Schätzungen gehen von fünf bis zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland aus, die der Schule regelmäßig und in erheblichem Ausmaß fernbleiben.

Sozialpädagoge und Junge spielen Basketball in der Kindertagesklinik

Schulvermeidung ist keine Diagnose, eher eine Verhaltensbeschreibung, der unterschiedliche Konstellationen oder Störungen wie beispielsweise Ängste oder Depressionen zugrunde liegen können. „Im Rahmen der Diagnostik wird untersucht, “ so Stöcklin, „ob mögliche Ursachen der Vermeidung in der Schule selbst oder mehr beim Kind oder der Familie liegen.“ Bei Tim war rasch klar, dass es nicht die Schulform ist, die ihn überfordert, auch nicht die Schule oder die Klasse. Tim ist ein Perfektionist, der sich als Ältester von drei Brüdern ständig überfordert. Er schien keine Strategien für sich entwickelt zu haben, mit Misserfolgen umzugehen und geriet in eine Abwärtsspirale, die er nicht stoppen konnte. Drei Monate lang ging Tim in die Kindertagesklinik am Fürstenwall, jeweils von Montag bis Freitag. Kein leichter Schritt, zumindest am Anfang. Auf seinem Programm standen Gruppen- und Einzeltherapie, auch Kunst- und Musiktherapie, (Multi-)Familientherapie und Schulstunden der Alfred-Adler-Schule, der Schule für kranke Kinder. Tims Alltag hatte klare Strukturen, Frühstück machen oder Spülen gehörten genauso dazu wie Fußballspielen oder Kickern. In seiner Gruppe aus acht Kindern im Alter von acht bis vierzehn Jahren fühlte er sich schnell wohl.

In der Tagesklinik lernte er, mit eigenen und fremden Ansprüchen umzugehen, Erfolge zu genießen, Misserfolge auszuhalten, Leistungen einzuschätzen, seinem voll getakteten Leben aus Schule, Freizeit, Sport und Mitarbeit in der Familie eine Struktur zu geben. Der Austausch mit anderen Kindern half ihm dabei ebenso wie das Gespräch mit den Therapeuten. Seine ganze Familie machte mit und unterstützte ihn. Als Tim stark genug war, er wieder Vertrauen in sich und das Leben gefunden hatte, führte ihn das Team der Kindertagesklinik langsam und vorsichtig wieder an den Alltag heran. Tim ging in seine Schule zurück, nahm Kontakt zu seinen alten Kumpeln auf. Nach vielen Monaten kehrte Tim zurück in sein altes Leben. „Wir alle haben viel über Tim, über uns erfahren und alle viel dazu gelernt! Es war eine harte Zeit, vor allem für ihn, aber er hat es geschafft und die dicke Krise überwunden. Die Zeit in der Tagesklinik war das Beste, was ihm und uns in der Situation passieren konnte!“ resümiert seine Mutter den Weg, den sie gemeinsam mit Tim gegangen sind.

Der Weg in die Tagesklinik für Psychosomatik:
Die Aufnahme in die Kindertagesklinik erfolgt nach ambulanten Vorgesprächen mit der Familie. Dafür ist eine Anmeldung unter Telefon   0211/919 - 3722 im Sekretariat der Kindertagesklinik für Psychosomatik sowie eine Überweisung durch einen niedergelassenen Kinderarzt bzw. Kinder-/ Jugendpsychiater notwendig. Die  Kostenträger der tagesklinischen Behandlung sind die Krankenkassen.

Weitere Infos gibt es hier.

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